Autofahren ohne Auto – Sprache und Mobilität

Täglich setzen wir uns in unzähligen Lebensbereichen sprachlich ans Steuer: Wir geben Gas, treten auf die Bremse, geraten ins Schleudern. Ein Team der Universität Bern erforscht den Zusammenhang zwischen Sprachgebrauch und Mobilität.

Der sehr enge heutige Bezug der Gesellschaft zum Automobil hat soziale, materielle, wirtschaftliche und auch emotionale Gründe. Dies zeigt sich auch in der Art, wie sich das Autofahren in unserer Sprache eingenistet hat. Die folgenden Redewendungen – sie stammen aus der Medienberichterstattung – legen Zeugnis davon ab: «Die Grünen kommen in Fahrt.» «In den Ferien haben wir einfach mal einen Gang runtergeschaltet.» Oder: «Jetzt sind die Damen und Herren im Urlaub und tanken Energie.»


Energie tanken

Diese Sätze haben gemeinsam, dass sie die Menschen in bildhaften Vergleichen als Automobilisten und Automobilistinnen darstellen. Die Metaphern und Analogien drücken alle hintergründig etwas aus, dessen wir uns vielleicht gar nicht bewusst sind, nämlich, wie tief eingebrannt in unserem Selbstverständnis die Vorstellung ist, mit dem Auto unterwegs zu sein.

Solche Metaphern setzen uns in unzähligen Lebensbereichen sprachlich ans Steuer. Sie bezeugen, welch große Bedeutung das Autofahren in unserer Gesellschaft hat. Linguistisch gesprochen verbinden sie sich zu einer übergeordneten konzeptuellen Metapher «Der Mensch ist ein Automobilist» beziehungsweise «Leben ist Autofahren». Deren breite Anwendbarkeit macht deutlich, wie tief das Automobil und das Autofahren heute unsere Kultur durchdringen und nicht nur unser Denken, sondern auch unsere Gefühle prägen.

Das Wegzeitmass als Autostunde

Dass sich viele von uns wie selbstverständlich als Automobilisten und Automobilistinnen verstehen, zeigt sich auch in Wendungen wie der folgenden aus einer Immobilienanzeige: «Die Entfernung in die Kantonshauptstadt Aarau beträgt rund vierzig Autominuten, nach Zürich etwas über eine Autostunde. Das alles trifft auf Ihr Interesse.»

Im «Duden» wird die Bedeutung des Wortes «Autostunde» wie folgt umrissen: «Zeitraum von etwa einer Stunde, in der ein Auto mit durchschnittlicher Geschwindigkeit eine bestimmte Strecke zurücklegen kann». Doch denken wir mit der Autostunde auch mit, welche Treibstoffmengen wir verbrauchen, während sie verstreicht, und welche Folgen sie für die Landschaft hat? Mit dem Begriff der Autostunde werden wir auch im Siedlungsbau kaum zu einem Massstab finden, der ressourcenschonend verfährt. Das Wegzeitmass der Autostunde setzt zudem stillschweigend voraus, dass die Fortbewegung stets staufrei erfolgt. Es blendet auch den zeitlichen Aufwand einer Parkplatzsuche in einem dicht besiedelten Gebiet aus. Zudem beruht das Mass auf einer unklaren Durchschnittsgeschwindigkeit. Insofern ist dieses Wegzeitmass ungenau und irreführend.  Es setzt ganz falsche, nicht-nachhaltige normative Prioritäten.


Bodenhaftung verlieren

Wir können länger gehen

Im Vergleich zur «Auto-» und auch zur «Flugstunde», welche grosse Distanzen bemessen, kommen im «Duden» die Ausdrücke «Velostunde» und «Gehstunde» nicht vor. Die Gehminute hingegen ist darin verbucht. Diese Wortbildung bezeugt, dass es in unserer Kultur offenbar nicht üblich ist, länger als einige Minuten zu Fuss zu gehen, so dass sich diese Wegzeitmasse einbürgern könnten. Die Einträge in unseren Wörterbüchern verraten, dass wir in unserer Fortbewegung nur über kurze Zeiträume auf unsere eigenen Beine und die Muskelkraft verlassen und zur Fortbewegung die meiste Zeit auf externe Energiequellen (Treibstoffe) bauen.

Auch weitere ökologisch wertvollere Wegzeitmasse wie die «Zugstunde» und die «Busstunde» kommen im Duden nicht vor, obwohl beide Wörter – wenngleich viel seltener als «Autostunde» – in alltäglichen Gebrauchstexten durchaus verwendet werden. Dennoch ist die konzeptuelle Metapher «Der Mensch ist ein Zugreisender» nicht ganz abwesend in unserem Wortschatz. So sprechen wir etwa von einer Weichenstellung bei einer Entscheidung zwischen zwei Alternativen oder von einem Fahrplan, wenn etwas nach einem Ablaufplan organisiert ist. Bringen wir ein Vorhaben zum Laufen, so gleisen wir es auf. Nicht selten ziehen wir auch die Notbremse, wenn es gilt, ein Unglück zu verhindern.


Ins Schleudern geraten

Pannen in allen Lebenslagen

Auto und Eisenbahn sind nicht nur technische Transportmittel, sondern stehen symbolisch auch für Fortschritt, Freiheit und Komfort. Zu Kollektivsymbolen werden sie, indem sie Denken, Fühlen und Handeln der Menschen einer Epoche derart durchdringen, dass mit ihnen auch bestimmt wird, was als normal gilt. Zu dieser Normalität gehört, dass wir sie an der Oberfläche unseres Alltagshandelns meist gar nicht als normal erkennen – und auch nie begründen müssen.

Diese technisch-maschinelle Fortbewegungsnorm zeigt sich in metaphorischen Wendungen, die etwas Misslingendes oder Unangepasstes als abnormale Fahrt darstellen. Ein Beispiel ist das Wort «Panne». Dieses bezeichnet gewöhnlich einen plötzlich auftretenden Schaden bei einem Fahrzeug während der Fahrt. Pannen können wir haben beim Kochen, in einer Theateraufführung oder in politischen Verhandlungen. Die Pannenmetapher setzt uns bei zahlreichen Tätigkeiten gleichsam ans Steuer eines imaginierten Fahrzeugs, verwandelt Tätigkeiten wie Kochen, Theaterspielen oder Verhandeln in Spielarten des Autofahrens. Kurz: Ein gelingendes Leben zeigt sich metaphorisch oft darin, dass wir nicht ins Schleudern geraten, die Bodenhaftung nicht verlieren, in vielen Dingen die Kurve kriegen, und all dies pannenfrei.

Automobil per Velo oder zu Fuss

Der Begriff «Automobil» wurde zunächst in Abgrenzung von Fahrzeugen gebildet, die von Pferden gezogen werden. Seine Herkunft – griechisch «auto» heisst «selbst» und lateinisch «mobilis» bedeutet «beweglich» – will uns weismachen, dass sich Autos von selbst bewegen. Tatsächlich ist die echte Automobilität aber die Fortbewegung zu Fuss oder mit dem Fahrrad, denn eine solche Fortbewegung erfolgt wirklich aus eigener Körperkraft.

Die Fortbewegung mit dem Auto ist dagegen in Wirklichkeit Heteromobilität, durch fremde Energie, das heisst (zumeist) durch fossile Brennstoffe angetriebene Mobilität. Über die irreführende Bezeichnung «Automobil» denken die meisten von uns kaum nach. Sie ist eine Fehlbezeichnung, weil sie den ökologisch so problematischen und für unser Klima so kritischen Ressourcenverbrauch verschweigt.

Lieber in die Pedale treten

Der kulturelle Wert der Automobilität wird heute zunehmend in Frage gestellt. Mehr und mehr werden Autos als Umweltbelastung erkannt. Die Autometaphorik hingegen zeigt sich blind für Fragen des Ressourcenverbrauchs und der Umweltbelastung. Wer Gas gibt oder einen Gang hoch- oder runterschaltet, sieht sich vor allem am Steuerrad. Das Auto erscheint als Gerät der Selbstverwirklichung, nicht als Lärmquelle, Dreckschleuder und Gesundheitsgefahr. Die Metapher gibt vor, dass es selbstverständlich zum Leben gehört, mit einem tonnenschweren Gefährt im Strassenverkehr unterwegs zu sein.

Welche Schlüsse lassen sich aus dieser Erkenntnis ziehen? Wer «grüne» Interessen vertritt und erklärt, er oder sie wolle in Sachen Klimaschutz Gas geben und in Fahrt kommen, vermittelt – selbstverräterisch – ein ambivalentes Selbstbild, das widersprüchliche, schwer zu vereinende, aber augenscheinlich tiefsitzende Werte – wenngleich vielleicht auch nur unbewusst – hochhält. Er oder sie ist also gut beraten, die Autometaphorik zu reflektieren und zu vermeiden.

Wer mag, schwinge sich eher aufs Rad und trete in die Pedale. Auch Metaphern, die auf den menschlichen Körper statt auf ein Techno-Vehikel abstellen, bieten sich als «fossilfreie» sprachliche Alternativen an. So kann man einen Schritt in die richtige Richtung tun oder anderen um eine Nasenlänge voraus sein.

Von Hugo Caviola und Martin Reisigl

Hugo Caviola erforscht mit Martin Reisigl und Andrea Sedlaczek, wie Sprache unsere Wahrnehmung prägt und unser Denken und Handeln anleitet. Dieser Text ist eine gekürzte Version des Beitrags «Der Mensch als Automobilist» auf www.sprachkompass.ch.

Der «Sprachkompass» ist ein Projekt des Zentrums für Nachhaltige Entwicklung und Umwelt (CDE) der Universität Bern. Am 19. November 2021 führt das Team des Sprachkompasses an der Uni Bern eine Tagung durch: «Verkehrssprache − verkehrte Sprache? Wie der Sprachgebrauch unsere Mobilität mitprägt». Information und Anmeldung unter diktum.ch/tagung-sprachkompass/

 

 

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