Platz für neue Ideen in Biel

Es ist der grösste Erfolg gegen ein Autobahnprojekt in der Schweiz: Der Bieler Westast ist nach heftigen Protesten und einem breit abgestützten Dialog abgeschrieben. Was das für die Zukunft der Stadt heisst, bleibt ungewiss. Möglich wäre eine Stadt am See mit einem zusammenhängenden Kerngebiet zwischen Biel und Nidau.

Die wohl stärkste Bürgerbewegung gegen ein Strassenprojekt hat einen Sieg errungen: Das Bundesamt für Strassen hat das in den 60er-Jahren geplante Autobahnprojekt «N05 Westumfahrung Biel», kurz Westast, unlängst definitiv abgeschrieben. Gleichwohl hat das Vorhabent Biel städtebaulich und verkehrspolitisch um Jahrzehnte zurückgeworfen. Das zeigt eine Stadtwanderung entlang der wichtigsten Schauplätze mehr als deutlich.

Zusammenwachsen ermöglicht

Stadtführer ist Urs Scheuss. Er ist in der VCS-Regionalgruppe Biel aktiv und amtet als Bieler Stadtrat der Grünen. Er zeigt nach unten. Beim Kreisel, der die Seevorstadt mit der Strasse in Richtung Neuenburg verbindet, wäre der Halbanschluss Biel-West gebaut worden. Dahinter hätte die grosse Wiese vor dem Gymnasium als Bauplatz gedient. Zahlreiche Häuser zwischen Bahnhof und Ländtestrasse wären abgerissen worden. Und hinter dem Robert-Walser-Platz hätte dereinst der offene Anschluss Bienne-Centre gebaut werden sollen.

Biel, ursprünglich keine Stadt am See, ist in den letzten Jahren immer mehr in Richtung See ge- und mit Nidau verwachsen. «Die Autobahn hätte dieses natürliche Zusammenwachsen empfindlich gestört», sagt Scheuss. Diesem Umstand trägt auch der Schlussbericht zum Dialogprozess Rechnung: «Aus Sicht der Gesamtregion ist das Entwicklungsgebiet zwischen Bahn und See als urbanes Quartier (…) weiter zu stärken. Biel wird zur Stadt am See.» Eine Feststellung, welche die Absurdität unterstreicht, ein Vorhaben aus den 1960er-Jahren 80 Jahre später finalisieren zu wollen.

Stillstand lösen

74 Häuser hätten für den Bau des Westasts abgerissen werden sollen. Folgen hat es aber auch so: Das betroffene Gebiet erlebte in den letzten 20 Jahren einen städtebaulichen Stillstand, niemand wollte investieren. Wieder unten in der Stadt zeigt sich das deutlich: Viele der Häuser sind in schlechtem, einige gar in desolatem Zustand. Was geschieht nun mit diesen Stadtteilen? «Das ist die grosse Frage. Zurzeit hat niemand einen Plan», sagt Scheuss.

Biel hat sich zum Ziel gesetzt, 20 Prozent gemeinnützigen Wohnraum zu schaffen. Auch dafür haben sich jetzt die Türen geöffnet. Denn die Stadt hat in den letzten Jahrzehnten viel strategischen Landkauf getätigt, um beim Westastbau Konflikte mit Grundbesitzenden zu verhindern.

Die verbleibenden Verkehrsprobleme

Auch die verkehrspolitische Entwicklung Biels hat das Millionenvorhaben Westast jahrzehntelang gehemmt. «Stets wurden wir vertröstet: Ist das Autobahnteilstück erst einmal realisiert, mache die Stadt etwas für den Fuss- und Veloverkehr», erzählt Scheuss. Biel wäre womöglich gar nicht die Autostadt, als die sie oft bezeichnet wird, hätte man früher etwas für den Fuss- und den Veloverkehr getan oder den ÖV gezielt gefördert.

Der Verkehr im Westen der Stadt ist grösstenteils hausgemacht. Scheuss verweist auf die Erfahrungen mit dem Ostast: «Bei der Eröffnung wurde erwartet, dass der Ostast Mehrverkehr in Richtung Neuenburg generiert. Das ist nicht passiert. Um Biel ist vor allem die Nord-Süd-Verbindung wichtig.» Zeit also, diese hausgemachten Verkehrsprobleme anzugehen: Mit einer guten Infrastruktur für den Velo- und den Fussverkehr, aber auch mit besseren ÖV-Verbindungen in Richtung Nidau. Doch das ist nun kein nationales Thema mehr. Es ist an Biel und Nidau, Lösungen – auch finanzieller Art – zu finden. Der Umstand, dass das Geld für den Westast nicht für andere Vorhaben in der Stadt eingesetzt werden kann, hat es den Gegnern nicht leicht gemacht.

Ein gewichtiges Argument für die Befürworter war die Situation im Nidauer Quartier Weidteile. Die Autostrasse, ein Zubringer zur A5, kann heute nicht überirdisch gequert werden. Mit dem Bau des Westastes hat man den Bewohnerinnen und Bewohnern ein praktisch autofreies Quartier versprochen – zum Preis von Autobahnanschlüssen mitten in der Stadt. Aus Sicht von Urs Scheuss typisch für die Verkehrspolitik des letzten Jahrhunderts: Probleme verlagern statt lösen. Dass sich hier etwas ändern muss, ist klar.

Der erfolgreiche Protest gegen den Westast hat Geschichte geschrieben. An den zahlreichen Stadtwanderungen haben über 1000 Menschen teilgenommen, die erste Demonstration konnte 4000 Menschen mobilisieren. Wie schafft man das? Urs Scheuss meint: «Man muss die eigene ‹Bubble› verlassen. Sonst bleibt man nur unter sich. Das Hauptrezept ist daher die Vielfalt der Beteiligten, aber auch Vielfalt der Formen.» Geholfen habe aber auch die persönliche Betroffenheit vieler. Das haben die Befürworter schlicht unterschätzt.

Eine unklare Zukunft

Dennoch ist der Blick in die Zukunft nach dem Rückzug des Westasts ungewiss. Der alternative Vorschlag des Komitees «Westast so nicht!», steht nach wie vor im Raum: Ein Tunnel unter der Stadt durch, der auf Anschlüsse direkt in die Stadt verzichtet. Für Scheuss und den VCS ist das natürlich kein Wunschszenario. Noch besteht Hoffnung, dass sich die Ansicht durchsetzen wird, dass es gar keine durchgehende Autobahnverbindung zwischen Ost und West in Biel braucht.

Doch Urs Scheuss sähe es lieber, wenn zuerst die städtebauliche Entwicklung in Angriff genommen würde. Visionäre Ideen gäbe es: So hat der Bieler Architekt Benedikt Loderer vorgeschlagen, den Eisenbahndamm zu einem Viadukt zu machen, um auch dessen Trennwirkung aufzuheben.

Nelly Jaggi, Redaktorin Magazin VCS

Diesen und weitere Beiträge finden Sie in der Ausgabe 2/2021 des VCS-Magazins

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