Tödlicher Lärm und teure Stille

Lärmige Strassen in den urbanen Zentren schaden der Lebensqualität. Die von der Lärmbelastung ausgehenden gesundheitlichen Probleme und sozialen Ungerechtigkeiten lassen sich am besten mit der generellen Einführung von Tempo 30 bekämpfen.

Unlängst meldete sich ein Kollektiv von Waadtländer Ärztinnen und Ärzten in herausforderndem Ton zu Wort: «Die generelle Einführung von Tempo 30 auf den Strassen würde Gesundheit, Lungenfunktion und Schlaf verbessern. Wetten?» Die Ärzteschaft zeigte sich besorgt über den Verkehrslärm und über dessen Einfluss auf die Gesundheit. Neu ist das Problem nicht, aber der Lockdown hat gezeigt, wie stark eine sinkende Lärmbelastung die Lebensqualität erhöht.

Der Bund schätzt, dass in der Schweiz tagsüber eine Million Menschen vom Strassenverkehr ausgehende Lärmbelästigungen über der gesetzlichen Norm ertragen müssen. Von ihnen leben mehr als neun Zehntel in der Stadt. Verantwortlich für die Lärmbelästigung sind nicht so sehr Flugzeuge und Züge als vielmehr Motorfahrzeuge.

Folgen für die Gesundheit …

Tagsüber regelmässig dem Strassenverkehrslärm ausgesetzte Personen leiden unter Konzentrations- und Gedächtnisstörungen sowie generell unter Leistungsabfall, auch die Kinder. Nachts stören die Lärmbelästigungen den Schlaf, was Schlaflosigkeit, Tagesmüdigkeit, Schläfrigkeit, Stress und Reizbarkeit zur Folge hat. Dazu können Herzprobleme, hoher Blutdruck oder Diabetes kommen. In der Schweiz werden rund 500 frühzeitige Todesfälle pro Jahr der Lärmbelastung zugeschrieben.

Zwar gewöhnt sich das Gehirn an den Lärm, nicht aber das Herz-Kreislauf-System; es reagiert auch im Schlaf auf Lärmstimuli: An- und abschwellender Strassenverkehr führt zu Dezibelspitzen, die sich im Anstieg der Blutdruckwerte spiegeln. Regelmässige nächtliche Lärmstimulation, auch bloss in Form von kurzen Belastungen, führt deshalb zu langfristigen gesundheitlichen Problemen.

… und das Portemonnaie

Das Bundesamt für Umwelt erhebt die Lärmbelästigung in der Schweiz detailliert. Die Messungen zeigen auf, wo die Belastung am höchsten ist. Das Ergebnis bildet die gesellschaftliche Realität insofern ab, als die am besten vor Lärm geschützten Quartiere auch die wohlhabendsten sind. Lärm beeinträchtigt also nicht nur die Lebensqualität, sondern vertieft auch gesellschaftliche Gräben: Erschwingliche Wohnkosten sind an die Unannehmlichkeiten eines lärmbelasteten Quartiers gekoppelt.

Beste Lösung: Weniger Tempo

Ansätze zur Bekämpfung der Lärmbelästigung wie Flüsterbeläge oder immer leisere (Elektro-)Autos setzen bei den Ursachen des Problems an. Die zugleich wirksamste und billigste Massnahme aber bleiben Geschwindigkeitsbeschränkungen. So senkt die generelle Einführung von Tempo 30 statt Tempo 50 die Lärmbelastung massiv.

Das Bundesamt für Umwelt weist zudem darauf hin, dass die empfundene Belästigung stärker sinkt als die tatsächliche Lärmreduktion. Weil der Verkehr bei niedriger Geschwindigkeit viel flüssiger läuft, fallen die Lärmspitzen beim Anfahren der Fahrzeuge weg. Wird Tempo 30 im Sinn einer Trendumkehr zur Norm, sinkt nicht nur die Lärmbelästigung, auch das soziale Gefälle nimmt ab.

Von Camille Marion, Redaktorin Magazin VCS
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2 Antworten auf „Tödlicher Lärm und teure Stille“

  1. Besonders die grossmotorigen Autos, schwere Motorräder, frisierte Töffli rauben uns in den Freizeitstunden die verdiente Ruhe. Diese starten mit ihren Ausfahrten Samstag/ Sonntag früh morgens, wenn wir gemütlich ausschlafen oder frühstücken möchten. Abends, wenn etwas Ruhe nach dem Tag einkehren sollte, kommen diese Lärmmaschinen erst gegen Mitternacht nach Hause und reissen einen wieder aus dem Schlaf.

  2. Ich bin sehr froh, dass der VCS dieses Thema mit gebührendem Nachdruck aufnimmt. Ich habe im April 2020 in unserem Quartier eine Petition lanciert, um die Behörden zu bitten, etwas gegen die Auto-Tuner und -Poser zu unternehmen, die im Lockdown tags und nachts um die Häuser röhrten. Neben einigen Tempobolzern gings vor allem um Lärmbelästigung.
    Die meisten Unterschreibenden äusserten sich auch positiv zu Tempo 30. Die Gemeinde Brugg hat versprochen, im Sommer eine Befragung der Quartierbewohner*innen zur Einführung von T30 durchzuführen. Sie plant, T30 auf diesem Weg schrittweise in den Quartieren zu implementieren. Im Frühling 2019 scheiterte eine Volksabstimmung über die gemeindeweite Einführung von T30. Wichtigstes Killerargument der Gegner waren die wegfallenden Fussgängerstreifen… Hier sind immer noch sehr viele Ängste im Umlauf. Es muss auch klar werden, dass sogenannte Sammelstrassen in Wohnquartieren ebenfalls T30-fähig sind und erst dann wirklich Stressreduktion eintritt.
    Danke für das Engagement!

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