Konzernverantwortungsinitiative: Autoreifen statt Urwald

Er ist aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken und für die Mobilität unverzichtbar: Kautschuk. Der Rohstoff ist begehrter denn je – und seine Gewinnung eine ernste Gefahr für ganze Ökosysteme sowie ein wesentlicher Treiber für Menschenrechtsverletzungen. Am Beispiel Kautschuk zeigt sich: Die Konzernverantwortungsinitiative betrifft zahllose Lebensbereiche – auch den Verkehr.

Von Anita Weber

Seit es im Jahr 1839 erstmals gelang, Gummi aus Kautschuk herzustellen, ist der Saft des Gummibaums ein begehrter wie problematischer Rohstoff. Seit Anbeginn ging die Kautschukproduktion einher mit Zwangsarbeit, Versklavung und Schreckensherrschaften – erst im Gebiet des Amazonas, später in Afrika und Asien. Der Kautschuk hat den Händlern Reichtum gebracht, der indigenen Bevölkerung aber meist Leid.

Auch heute wird sein Anbau von zahllosen Konflikten begleitet – die steigende Nachfrage verschärft zudem die Folgen für die Umwelt massiv. Kautschuk befindet sich in unzähligen Alltagsprodukten von Matratzen bis Kondomen.

Der Löwenanteil von 70 Prozent wird für die Produktion von Autoreifen verwendet. Mit der global wachsenden Mobilität steigt auch die Nachfrage: Allein in der Schweiz werden jedes Jahr rund neun Millionen Autoreifen verkauft. Entsprechend hat die Kautschukproduktion zugenommen: Die weltweit für den Anbau genutzte Fläche hat sich innert 16 Jahren verdoppelt und entspricht heute mehr als dreimal der Fläche der Schweiz.

Bedrohte Artenvielfalt

Fast der gesamte Kautschuk im Welthandel stammt aus Monokulturen. Millionen von Gummibäumen stehen in Reih und Glied, wo früher Tropenwald wuchs. Die Artenvielfalt in den Anbaugebieten ist dadurch massiv bedroht. Hinzu kommen der grossflächige Einsatz von Pestiziden sowie ein Wasserverbrauch, der seinesgleichen sucht.

Dies zeigt eindrücklich: Autos, Lastwagen und Busse sind nicht nur im Gebrauch, sondern auch in der Produktion äusserst problematisch für die Umwelt. «Jeder Reifen an unseren Autos ist ein winziges Stück Tropenwald, gerodet und zu einem schwarzen Ring zusammengepresst», brachte es Charles C. Mann 2016 in der Zeitschrift «National Geographic» treffend auf den Punkt.

Wie in der Kolonialzeit

Nebst der Belastung für die Umwelt kommt es bei der Kautschukgewinnung immer wieder zu schwerwiegenden Menschenrechtsverletzungen. Eine im letzten Jahr von der Entwicklungsorganisation «Brot für alle» veröffentlichte Studie zum Kautschukanbau in Liberia zeigt auf, dass es in Zusammenhang mit den untersuchten Plantagen seit 1959(!) immer wieder zu Vertreibungen und zu Landraub an der lokalen Bevölkerung kommt. «Unsere Gemeinschaft hat an diesem Ort gelebt, lange bevor Liberia als Staat gegründet wurde», lässt sich darin ein Dorfältester zitieren. Und damit nicht genug: Das Leben auf den Plantagen wird durch ein ständiges Klima der Angst bestimmt; Gewalt und sexuelle Belästigung sind an der Tagesordnung.

Hebelwirkung auf den Verkehr

Die Folge: Jede Postautofahrt oder jeder Kauf per Lastwagen gelieferter Ware trägt unweigerlich zur Rodung von Tropenwald und zur Verletzung von Menschenrechten bei. Der Handlungsspielraum für Konsumentinnen und Konsumenten ist sehr klein – auf die Produktion können sie kaum Einfluss nehmen, und ein Verzicht ist unmöglich.

Deshalb braucht es verbindliche Regeln für internationale Konzerne, damit diese grundlegende Umweltstandards und Menschenrechte respektieren. Diese Selbstverständlichkeit fordert die Konzernverantwortungsinitiative, die vom VCS und über 100 weiteren Organisationen unterstützt wird. Als grösster Rohstoff-Handelsplatz und bedeutender Finanzplatz ist die Schweiz in einer weltweit einmaligen Schlüsselposition. Die Hebelwirkung der Initiative ist somit enorm.

Anita Weber ist Projektleiterin Marketing beim VCS Schweiz und engagiert sich im Lokalkomitee Wabern für die Konzernverantwortungsinitiative.

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