Weniger Verkehr, bessere Luft

Weltweit gingen die Industrietätigkeit und der Verkehr aufgrund von Massnahmen gegen die Corona-Pandemie deutlich zurück. Das hatte auch einen positiven – leider jedoch zeitlich begrenzten – Nebeneffekt auf die Luftbelastung. Dieser ist auch in der Schweiz messbar.

Anfang April berichteten mehrere Medien, dass in der indischen Stadt Jalandar die Luft erstmals seit Jahrzehnten wieder so klar ist, dass man den rund 200 Kilometer entfernten Himalaya sehen kann. Die Massnahmen zur Eindämmung der Verbreitung des Coronavirus beeinflussen die Luftqualität: Durch die massive Verkehrsreduktion und die Stilllegung von Fabriken sind die Emissionen von Stickoxiden und Feinstaub deutlich zurückgegangen. Insbesondere in den stark belasteten Regionen der Welt kam es zu einer deutlichen Verbesserung der Luftqualität.

Weil die Luft in der Schweiz generell weniger belastet ist als in China oder in Indien, kann sich die Luftqualität hier gar nicht im selben Ausmass verbessern. Dennoch gibt es auch in der Schweiz regelmässig zu hohe Schadstoffwerte in der Luft. Der Verkehr trägt insbesondere bei den Stickstoffdioxiden, dem Feinstaub und indirekt auch bei den Ozonwerten stark zur Luftbelastung bei.

Der Einfluss der Dieselautos …

Hauptgrund sind die vielen Dieselautos der Abgasnormen Euro 6b und älter. Zwar wurden nach dem Dieselskandal von 2015 die Abgastests für Neuwagen verschärft, doch die bereits verkauften Autos dürfen, trotz zu hoher Schadstoffemissionen, weiter auf den Schweizer Strassen fahren. Auch kommt es regelmässig vor, dass Dieselpartikelfilter unbemerkt kaputt gehen oder gar absichtlich ausgebaut werden. Bei Polizeikontrollen werden immer wieder Lastwagen entdeckt, deren Halter mit der Manipulation der Abgasreinigung Betriebskosten sparen wollen. All dies führt dazu, dass die Luftbelastung auch in der Schweiz in der Nähe von stark befahrenen Standorten regelmässig gesundheitsschädigende Werte erreicht.

… aber auch des Wetters

Die Statistik des Bundesamts für Strassen ASTRA belegt nach dem Lockdown einen massiven Verkehrsrückgang auf dem Nationalstrassennetz. Besonders extrem ist er auf der Gotthard-Autobahn mit teilweise bis zu 90 Prozent weniger Verkehr an gewissen Tagen im April dieses Jahres im Vergleich zum April 2019. Aber auch auf der A1 bei Würenlos ist der Verkehr im April 2020 im Vergleich zum Vorjahr um über 30 Prozent zurückgegangen.

Es erstaunt daher nicht, dass auch die Daten des Bundesamts für Umwelt BAFU eine deutlich geringere Belastung der Luft durch Schadstoffe als in früheren Jahren ausweisen. Allerdings lässt sich dieser Rückgang in der Schweiz nicht nur auf den Lockdown zurückführen: Luftschadstoff-Forscher der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt Empa kamen zum Schluss, dass die Werte auch auf die Wetterlage zurückzuführen sind: milde Temperaturen Anfang Jahr und viel Wind in der zweiten Märzhälfte. Das Wetter hat einen grossen Einfluss darauf, wie sich die Luftschadstoffe verteilen, chemisch umwandeln oder durch den Regen ausgewaschen werden.

Effekt an befahrenen Strassen

Um die Auswirkungen der Massnahmen in Zusammenhang mit dem Lockdown möglichst rasch zu sehen, verwendet die Empa ein statistisches Modell, das den Einfluss des Wetters auf die Belastung durch Luftschadstoffe beschreibt. «Mit diesem Modell kann die Luftschadstoffkonzentration, die bei einer bestimmten Wettersituation unter normalen Bedingungen erwartet werden kann, vorhergesagt werden. Abweichungen von diesen Modellschätzungen erlauben es uns, die Veränderungen durch die reduzierten Luftschadstoffemissionen während des Lockdowns nachzuweisen», erklärt Christoph Hüglin von der Empa.

Dank dieses Modells zeigte sich, dass die Stickoxidkonzentrationen an stark befahrenen Standorten deutlich gesunken sind. «Messungen an den Messstationen Bern-Bollwerk und Lausanne César-Roux haben ergeben, dass die Stickoxidkonzentrationen seit dem 16. März um etwa 45 Prozent abgenommen haben» sagt Hüglin. Bei ländlichen Messstationen zeigte sich hingegen kein Einfluss des Verkehrsrückgangs auf die Stickoxid-Konzentrationen.

Keine langfristige Lösung

Letztlich handelt es sich aber um einen kurzfristigen Effekt, der nur während der Dauer des Lockdowns anhält. Damit die Luftqualität in der Schweiz dauerhaft besser wird, müssen Fahrzeuge mit übermässigem Schadstoffausstoss aus dem Verkehr gezogen werden. Besonders wirksam wären eine dauerhafte Reduktion des motorisierten Strassenverkehrs und der Umstieg auf Elektrofahrzeuge. Diese Massnahmen sind so oder so notwendig, um die Klimaerhitzung zu bremsen. Und im Gegensatz zum Lockdown haben sie eine dauerhafte positive Auswirkung auf die Luftqualität.

Martin Winder, Projektleiter Verkehrspolitik beim VCS Schweiz

Lesen Sie weitere Beiträge rundum die Luftqualität im Dossier Zurück zu vorher?

 

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