Den Klimawandel stoppen

Die Erwärmung der Erde kann nur durch eine vollständige Abkehr von fossilen Brennstoffen begrenzt werden. Klimaforscher Reto Knutti spricht über den Klimawandel und nötige Massnahmen.

Herr Knutti, warum wird es immer wärmer? Was müssen wir tun?

Der Mensch greift in das System ein. Mit dem Verbrennen von Öl, Gas und Kohle entsteht Kohlendioxid (CO2), je mehr, desto mehr Wärme wird zurückgehalten.
Die Regierungen haben in Paris beschlossen, die Klimaerwärmung zu begrenzen – deutlich unter 2 Grad Celsius. Setzen wir uns dieses gesellschaftliche Ziel, müssen wir die CO2-Emissionen ungefähr bis Mitte Jahrhundert auf null senken. Wir müssen vollständig weg von Verbrennungsmotoren, Ölheizungen und so weiter.

Welche Auswirkungen hat das veränderte Klima auf die Schweiz?

Wir haben Klimaszenarien mit vier Hauptaussagen für die Auswirkungen auf die Schweiz gemacht: Es wird mehr heisse Tage und längere Hitzewellen, mehr heftige Niederschläge, eine Tendenz zu trockenen Sommern und weniger Schnee geben. Letzteres ist bereits jetzt offensichtlich und wird sich weiter akzentuieren. Das sind die direkten meteorologischen Auswirkungen. Deren Folgen sind vielseitig. Sie haben Auswirkungen auf die Gesundheit. Die Arbeitsproduktivität sinkt. Sie haben Konsequenzen für die Landwirtschaft, die Wasserkraft, die Kühlkapazitäten der Atomkraftwerke, die Fische, … Weitere Themen sind Hochwasser, Gletscher, Permafrost – man muss sich überlegen, wie man mit diesen Naturgefahren umgeht. Betroffen ist auch der Tourismus: Der Sommertourismus in den Alpen profitiert, für den Wintertourismus sind die Folgen problematisch.

Ein Sinnbild des Klimaschutzes sind die Gletscher. Aber lässt sich deren Abschmelzen überhaupt noch verhindern?

Selbst wenn wir die Temperaturen auf heutigem Niveau konstant halten könnten, würden die Gletscher deutlich weiter zurückgehen. Sie schmelzen langsam und hinken deshalb hinter dem Klima her. Die Botschaft, dass man mit dem Klimaschutz Gletscher retten kann, ist daher problematisch. Aber die Gletscher machen den Klimawandel sichtbar, wie kaum etwas anderes. Natürlich hat ihr Schmelzen Auswirkungen auf den Wasserkreislauf. Die grössten Auswirkungen auf die Schweiz sind aber nicht von den Gletschern, sondern eher von der spürbaren Hitze und von der Wasserverfügbarkeit abhängig. Die Gletscher haben aber auch einen emotionalen Wert. Sie sind ein Teil der hiesigen Identität. Und das ist ein interessanter Punkt. Man kann Klimawandel nicht nur mit Kosten und Nutzen betrachten.
Die grössten finanziellen Auswirkungen auf die Schweiz hat der Klimawandel wahrscheinlich im Ausland. Die Schweiz hat ihren Wohlstand ja nicht dem Käse zu verdanken, sondern dem Handel, den Dienstleistungen, internationalen Konzernen, Rückversicherungen, Banken, … und damit indirekt dem Wohlstand im Ausland.

Können wir die Klimaziele von Paris mit dem Ziel netto Null bis 2050 überhaupt noch erreichen?

Es gibt uns eine realistische Chance. Wollen wir die Erwärmung auf 1,5 Grad beschränken, müssen wir eher 2040 anstreben. Bei der Machbarkeit muss aber immer unterschieden werden. Haben wir technisch und wirtschaftlich die Lösungen und können wir die auch bezahlen? Da lautet die Antwort wahrscheinlich ja – für ein 2-Grad-Ziel. Das andere ist die gesellschaftlich-politische Machbarkeit. Sind wir bereit, die notwendigen Massnahmen zu ergreifen?

Wie schätzen Sie hier die Chancen ein?

Bis vor einem Jahr war ich pessimistisch. Jetzt, mit den Klimastreiks und den vielen jungen engagierten Menschen, bin ich verhalten optimistisch. Mehr denn je ist spürbar, dass etwas geschehen muss. Gleichzeitig sind die Zahlen der Swiss 2019 höher als 2018: Flugscham hin oder her, Klimastreiks hin oder her, Herr und Frau Schweizer fliegen mehr als im letzten Jahr. Es gibt keine effizientere Art CO2 auszustossen, als um die Welt zu fliegen. Ein Economy-Flug nach Australien und zurück entspricht etwa dem jährlichen CO2-Ausstoss einer Person in der Schweiz.

Weniger Fliegen bringt also viel – wo kann ich sonst auf individueller Ebene etwas bewirken?

Die Mobilität verursacht einen Viertel bis einen Drittel der CO2-Emissionen. Der grösste Teil davon ist der Privatverkehr – zu grosse und zu viele Autos, zu viele Kilometer, zu wenig Leute im Auto. Weniger Autofahren oder gar nicht Autofahren bewirkt sehr viel. Ein weiterer grosser Hebel sind die Gebäude. Da sind Lösungen technisch am einfachsten, und sie erfordern keine Verhaltensänderung erfordern. Dann der Konsum – muss ich wirklich immer alles kaufen? – und die Nahrungsmittel. Man muss nicht vegan leben, aber vielleicht reichen ja ein bis zwei Mal die Woche Fleisch. Und man kann sich engagieren, damit die nötigen Rahmenbedingungen entstehen – in der Politik, in der Gemeinde, indem man abstimmt.

Individuelles Engagement alleine wird aber nicht reichen …

Freiwilligkeit ist schön und gut, aber in der Realität ist der Mensch damit nicht so gut. Wir lösen das Problem nur, wenn wir die Rahmenbedingungen schaffen. Seien wir ehrlich, wir haben Umweltprobleme – Abfall, Wasserqualität, Luftqualität, Ozonloch – bisher immer über verbindliche Regeln und Rahmenbedingungen gelöst.

Ozonloch und Klimawandel sind menschgemacht. Warum tut man sich bei der Suche nach Lösungen bei letzterem so viel schwerer?

Beim Ozonloch brauchte es ungefähr zehn Leute an einem Tisch, um das Problem zu lösen. Ein Ersatzprodukt existierte bereits, es brauchte keinerlei Verhaltensänderung. CO2 hingegen ist wirklich überall in unserem Leben – in der Mobilität, in den Ferien, im Konsum, im Essen – es gibt nicht einen Ersatz, sondern eine grosse Palette von Massnahmen. Es geht nicht ohne grosse Änderungen und zwar in allen Bereichen des Lebens.

Meine Aufgabe als Wissenschaftler ist das Informieren und Analysieren und das Bereitstellen von Lösungen und Fakten. Wohin wir gehen, ist ein gesellschaftlicher Entscheid. Ein Transformationsprozess geschieht nicht von heute auf morgen. Aber wir müssen es probieren, das schulden wir der nächsten Generation.

Das Interview führte Nelly Jaggi, Redaktorin VCS-Magazin; mehr ab Seite 22 im Dossier Wir fahren in die Zukunft | VCS-Magazin für zeitgemässe Mobilität (4/2019)

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