Toter Winkel: Elektronische Helfer können Leben retten

Selbstfahrende Autos buhlen um Aufmerksamkeit an den Automessen rund um den Globus. Bis autonome Fahrzeuge auf unseren Strassen fahren, wird es aber noch dauern, denn es gibt noch einige Hürden zu meistern. In der Zwischenzeit erleichtern uns immer mehr ausgeklügelte Fahrassistenz-Systeme, gefährliche Situationen rechtzeitig zu erkennen und Unfälle zu vermeiden.

Trotz steigender Verkehrsmenge ist der Verkehr in den letzten Jahrzehnten erheblich sicherer geworden. So sank etwa die Zahl der Verkehrstoten zwischen 1990 und 2015 um drei Viertel. Zu verdanken haben wir dies einem beachtlichen Fortschritt bei der Fahrzeugsicherheit. Neuwagen sind in grosser Zahl mit Fahrassistenz-Systemen wie ABS, elektronische Stabilitätskontrolle, Spurhalte- und Notbrems-Assistenten ausgerüstet.

Die Zahl der Unfälle sank im selben Zeitraum ebenfalls, jedoch lediglich um ein Drittel. Durch den Einsatz unzähliger aktiver und passiver Sicherheitssysteme sind die Fahrzeuginsassen immer besser geschützt – für die Verkehrsteilnehmenden ausserhalb einer Fahrzeughülle, also Fussgänger und Velofahrerinnen, gilt dieser Trend leider nicht.

Die Bestrebungen zur weiteren Verbesserung der Verkehrssicherheit sollten daher dem Schutz der weitgehend ungeschützten Fussgängerinnen und Velofahrer eine hohe Priorität einräumen.

Gefahrenzone toter Winkel

Zur Vermeidung der gefürchteten Totwinkel-Unfälle kommen nun vielversprechende Assistenzsysteme auf den Markt, die den oft tragisch endenden Unfall zu verhindern helfen. Der Unfallverlauf ist immer wieder derselbe: Ein Lastwagen biegt rechts ab und überfährt dabei einen Velofahrer oder Fussgänger. Der Chauffeur sieht aus seiner Position trotz Rückspiegel nicht alle Bereiche neben der Beifahrertür und an der Fahrzeugfront. Personen, die sich in diesem „Totwinkel-Bereich“ befinden, werden vom Fahrzeug zu Boden geworfen und im schlimmsten Fall von den Hinterrädern überrollt.

Aufgrund dieser Kollisionsgefahr sind Abbiegevorgänge nach rechts für Fahrer grosser Motorfahrzeuge wie Busse, Last- und Lieferwagen sehr anspruchsvoll. Denn es muss bei diesem Manöver auf den Gegen- und Querverkehr sowie je nach Situation auch auf die Beschilderung und die Ampeln geachtet werden. Somit ist es nicht möglich, pausenlos zu beobachten, ob seitlich Fussgänger oder Velofahrer im Toten Winkel aus dem Blickfeld verschwinden.

Fatalerweise sind sich manche potentielle Unfallopfer des Toten Winkels und der daraus drohenden Gefahr nicht bewusst und begeben sich ahnungslos in die Gefahrenzone. Gemäss Statistik der Beratungsstelle für Unfallverhütung sind in den letzten zehn Jahren 62 Velofahrer und 26 Fussgänger durch rechtsabbiegende Lastwagen getötet oder schwer verletzt worden. Besonders beunruhigend: Diese Unfälle nehmen nicht ab, sondern sogar zu. Allein im Kanton Zürich haben sich dieses Jahr bereits 30 solche Unfälle ereignet, wobei sich gut ein Dutzend  Opfer schwere Verletzungen zuzogen.

Erste Abbiege-Assistenten sind erhältlich

Zu grosser Hoffnungen Anlass geben daher die neuen Abbiege-Assistenten mit Personenerkennung. Mercedes bietet für seine Lastwagen ein radarbasiertes Systeme an, das sowohl auf bewegliche als auch stehende Objekte reagiert, die sich im Bereich der Überwachungszone auf der Beifahrerseite befinden.

Der Abbiege-Assistent unterstützt den Fahrer, indem er die komplette rechte Seite im Blick hält und bei Bedarf mehrstufig informiert und warnt. Erkennt das System Personen oder Gegenstände, wird der Fahrer mittels einer auf der Beifahrerseite gelb leuchtenden Anzeige informiert. Kommt es zur Kollisionsgefahr, erfolgt zusätzlich eine optische und akustische Warnung: Die Leuchte blinkt nun mehrfach rot und gleichzeitig stärker – nach 2 Sekunden leuchtet sie permanent rot. Zusätzlich ertönt bei drohender Kollision ein Warnton. Die Warnung erlaubt ein rechtzeitiges Bremsen, um die drohende Kollision zu vermeiden.

Fachleute schätzen, dass rund 60 Prozent der Totwinkel-Unfälle mit Radarsystemen oder ähnlichen mit Kameras und Monitoren arbeitenden Anlagen verhindert werden könnten. Denn bei aller warnenden Technik – rechtzeitig darauf reagieren und bremsen müssen die Chauffeure weiterhin selbst. Zwar gibt es Bestrebungen, die reinen Warnsysteme mit einem Notbremse-Assistenten zu kombinieren. Bis diese jedoch ausgereift sind und serienmässig angeboten werden, dürfte es noch dauern.

Abbiege-Assistenten werden frühestens 2022 obligatorisch

Sicherlich wäre es bereits ein riesiger Fortschritt, wenn schon bald möglichst viele Fahrzeuge mit Abbiege-Assistenten ausgerüstet würden. Danach sieht es im Moment leider nicht aus. Die EU überarbeitet zwar gegenwärtig die entsprechenden Ausrüstungsvorschriften. Bis ein serienmässiger Einbau von Abbiege-Assistenten in Neufahrzeugen Pflicht wird, dürfte es jedoch noch gut vier Jahre dauern. Und selbst ab diesem Zeitpunkt werden noch Jahre vergehen, bis assistenzlose Fahrzeuge aus dem Verkehr gezogen werden.

Nötig wäre daher nebst dem Obligatorium für Neufahrzeuge auch eine Nachrüstpflicht für ältere Modelle. Verschiedene Firmen bieten Abbiege-Assistenten zum Nachrüsten von Bussen, Last- und Lieferwagen an. Die Chancen für eine gesetzliche Nachrüstpflicht stehen sowohl in der Schweiz als auch in der EU schlecht – trotz des sehr grossen Schadenmilderungspotentials einer flächendeckenden Nachrüstung.

Die zweitbeste Lösung besteht darin, durch Aufklärung das freiwillige Nachrüsten anzukurbeln. Einen nachahmungswerten Schritt in diese Richtung hat der deutsche Verkehrsminister Andreas Scheuer im Juni gestartet mit der «Aktion Abbiegeassistenz» mit dem Ziel, möglichst bald möglichst viele Lastwagen auf freiwilliger Basis mit Assistenten aus- und nachzurüsten. Scheurer kündigte an, dass das Bundesverkehrsministerium die eigenen Nutzfahrzeuge bis 2019 mit Abbiege-Assistenten ausrüsten werde. Grossverteiler wie Edeka, Rewe, Aldi, Netto und Grossspediteure wie DB Schenker sowie weitere Logistikunternehmen haben sich der nachahmenswerten Aktion bereits angeschlossen.

Kurt Egli, Auto-Experte VCS

Die «Lieferwagen-Umweltliste 2019» ist auf der Website www.lieferwagen-umweltliste.ch als PDF-Datei veröffentlicht. Sie ist das einzige Umwelt-Rating dieser Art in der Schweiz und berücksichtigt die Auswirkungen auf Klima, Gesundheit und Umwelt.

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