«Sicherheit ist primär ein Gefühl»

Fahren in Tunnels wird als gefährlicher eingestuft als auf offener Strecke – obwohl es das gar nicht ist. Die Psychologin Marina Groner* erklärt in einem Gespräch, warum.

Interview: Stefanie Stäuble, VCS

VCS: Der Filmemacher Woody Allen sagte in einem Interview: «Ich fahre nicht durch Tunnels, weil ich klaustrophobisch bin.» Warum ist vielen Leuten in Tunneln nicht wohl?

Marina Groner: Es gibt natürlich die schweren Fälle, die Tunnel gänzlich meiden. Doch 10viele Leute haben generell ein mulmiges Gefühl. Sie nehmen den Tunnel als feindliche Umgebung wahr und fühlen sich eingeschlossen, weil sie nicht richtig fliehen können. Zudem ist es dunkel  – da wirkt das Auto wie eine geschützte Stube.

Ihre Tunnelstudie 2011 zeigte: Das grösste Problem im Tunnel ist der Mensch. Inwiefern?

Weil die Selbstrettung oft schlecht funktioniert. Das kritischste Ereignis in einem Tunnel ist ein Brand. Das Feuer kann sich rasch ausbreiten, es kann mehr als 1000 Grad heiss werden, der giftige Rauch bewegt sich wegen des Durchzugs rasch. Und was macht der Mensch? Das Falscheste, was er in diesem Moment tun kann: Er bleibt im Auto sitzen. Beim Brand im Mont-Blanc-Tunnel starben viele Leute auf diese Weise. Es gab auch solche, die zur nächsten Telefonkabine liefen, sich dort aber in Sicherheit wiegten, anstatt einen Notausgang aufzusuchen. Im Tauerntunnel waren Leute schon bei den Notausgängen, kehrten dann aber um, um den Brand zu filmen. Oder sie liefen wieder zu ihrem Auto zurück. Viele Leute würden bei einem Tunnelbrand durch ihr eigenes Fehlverhalten sterben.

Warum ist das so?

Weil der Mensch Situationen nicht richtig einschätzen kann, wenn ihm die Erfahrung fehlt. Wir fragten Leute, wie heiss es bei einem Tunnelbrand wird. 60 bis 80 Prozent der Befragten meinten, es würde so heiss werden wie in einer Sauna! Der Mensch verhält sich zudem oft ziemlich irrational. Vielleicht werden in Zukunft Fahrerassistenzsysteme im Auto Unfälle vermeiden helfen.

Wie verhält man sich richtig bei einem Tunnelbrand?

  1. An den Rand fahren
  2. Motor abstellen
  3. Schlüssel stecken lassen
  4. so rasch wie möglich zum nächsten Notausgang gehen.

Das Auto wenden und aus dem Tunnel fahren?

Beim Brand im Via-Mala, einem Tunnel mit Gegenverkehr, retteten einige Leute so ihr Leben. Der Tunnel ist zirka 740 Meter lang, und damals gab es noch keinen Notausgang. Der wissenschaftliche Dienst der Stadtpolizei Zürich untersuchte den Unfall und machte diese Möglichkeit in der TV-Sendung «10 vor 10» publik – und brachte am nächsten Tag das Dementi. Das Bundesamt für Strassen (Astra) hatte interveniert, weil umkehrende Autos die Arbeit der Rettungskräfte behindern und sich neue Staus und weitere Unfälle bilden können.

Beim Mont-Blanc fuhren weitere Autos in den Tunnel hinein, obwohl es drinnen schon brannte und die Ampeln auf rot standen.

Psychologisch ist das für mich nachvollziehbar: Wenn die Ampel fast immer auf grün steht, nehmen die Leute es gar nicht mehr wahr. Es müsste zusätzlich ein Warnlicht blinken oder eine Tafel aufleuchten mit «Fahrzeug brennt». Vor dem Gotthardtunnel ist beispielsweise an den Autobahn-Raststätten angeschrieben, dass man im Tunnel das Radio anmachen soll. Die Leute sehen das gar nicht. Dabei ist die Alarmierung zentral, wenn etwas passiert.

Die Sicherheit ist ein Hauptargument der Befürworter einer zweiten Gotthardröhre. Wie können Tunnel sicherer gemacht werden?

Man muss sie dem Menschen anpassen und nicht umgekehrt. Zum Beispiel ist die visuelle Führung mit den grünen Täfelchen – der Pfeil zeigt zum nächsten Notausgang – ungenügend. Bei dichtem, schwarzem Rauch sind sie zu wenig sichtbar. In Österreich sind diese Täfelchen von hinten beleuchtet, bei uns hingegen nur selbstleuchtend. Momentan untersuchen wir im Auftrag des Astra, ob auch eine akustische Führung funktionieren würde, wie es in Holland gemacht wird, wo Lautsprecher über den Notausgängen den Menschen den kürzeren Weg weisen. Bei unserem Test mit 110 Personen hat das gut funktioniert: Statt rund 50 Prozent liefen 90 Prozent der Testpersonen zum näheren Notausgang. Das ist entscheidend, denn die Zeit ist wegen der giftigen Gase knapp.

Was wurde seit Ihrer Studie umgesetzt?

Man ist daran, die Tunnel alle 300 Meter mit Notausgängen nachzurüsten, wie es auch die Sicherheitsnorm verlangt. Zudem laufen verschiedene Forschungsprojekte zu akustischen Systemen.

Fahren die Leute in Tunneln mit Gegenverkehr aufmerksamer als in richtungsgetrennten Tunneln?

Wahrscheinlich schon, obwohl ich keine Untersuchungen dazu kenne. Man ist etwas angespannter – und dadurch aufmerksamer. Das Problem in Tunneln mit Gegenverkehr ist ein anderes: Die Folgen bei einer Frontalkollision sind viel gravierender als ausserhalb von Tunneln. Zwar sind Frontalkollisionen selten, doch wenn ein Auto auf die Gegenfahrbahn gerät und dort mit einem entgegenkommenden Auto oder Lastwagen kollidiert, können die Fahrzeuge an die Tunnelwand und von dort zurück auf die Fahrbahn geschleudert werden und mit weiteren Fahrzeugen kollidieren.

Kann mit dem Einbau einer Mittelleitplanke in den bestehenden Gotthardtunnel ein Sicherheitsgewinn erzielt werden?

Eine Mittelleitplanke wäre aus psychologischer Sicht sicher besser als der heutige Zustand. Sie müsste allerdings versenkbar sein, damit bei einem Unfall die Rettungskräfte durchkommen. Eine Mittelleitplanke würde auch zu einer Verengung der Fahrbahn führen und damit wahrscheinlich zu einer Reduktion der Geschwindigkeit.

Wurden am Gotthard bereits Massnahmen ergriffen, um Gefahren zu verringern?

Nach 2001 hat man im Gotthardtunnel ein Dosierungssystem eingeführt. Davor hatte ich oft ein beklemmendes Gefühl; der Verkehr war sehr dicht, und manchmal war ich richtig eingeklemmt zwischen Lastwagen. Von Abstand halten sprach niemand. Das ist heute deutlich besser. Allerdings halten die Leute die minimalen 50 Meter Distanz nicht immer ein – wird das Auto vor ihnen langsamer, schliessen sie automatisch auf. Die Macht der Gewohnheit.

Weitere Möglichkeiten zur Gefahrenreduktion?

Eine Notbeleuchtung am Boden, die einem den Weg zum Notausgang weist. Oder Seitengeländer, damit man sich rascher vorwärtsbewegen kann. Wenn Leute im dichten Rauch nichts sehen, sind sie sehr langsam.

Bringt Sensibilisierung etwas?

Natürlich ist es wichtig, dass Neulenkerinnen und -lenker bei der theoretischen Fahrprüfung oder in der Zweiphasenausbildung auf das richtige Verhalten im Tunnel geschult werden. Doch eine gute «Führung» im Moment des Ereignisses funktioniert besser.

Würde es etwas bringen, die Lastwagen auf die Schiene zu verlagern?

Das macht Sinn. Bei allen schweren Tunnelunfällen waren LKW beteiligt.

Ist das Fahren in Tunnels eigentlich gefährlicher als auf offener Strecke?

Nein, obwohl es als gefährlich wahrgenommen wird, weil man weniger ein Gefühl der Kontrolle hat als auf offener Strecke. Das zeigt: Sicherheit ist in erster Linie ein Gefühl. Gemäss einer bfu-Studie von 2004 ist die Anzahl Unfallereignisse pro Millionen Fahrzeug-Kilometer im Tunnel niedriger als auf freier Strecke.

Wie lässt sich das erklären?

Ich mutmasse jetzt mal: Im Tunnel fährt man aufmerksamer, es gibt keine Witterungseinflüsse, weniger Ablenkung und tiefere Durchschnittsgeschwindigkeiten als im Freien.

Wie schätzen Sie die Abstimmung zum zweiten Gotthardtunnel ein?

Ich persönlich glaube eher nicht, dass das Stimmvolk einer zweiten Röhre zustimmt. Allerdings – und das hat jetzt nichts mit Psychologie zu tun – bin ich überzeugt, dass nicht nur eine Spur benützt wird, wenn die zweite Röhre angenommen wird. Irgendwann wird es genügend Druck geben, pro Tunnel beiden Spuren zu öffnen. Ob das Sinn macht, wo doch 2016 der Bahn-Basistunnel eröffnet wird?

 

* Marina Groner, Dr. Phil.-Hist. ist Dozentin an der Fernuni in Brig

Die Psychologin betreibt seit Jahren Grundlagenforschung zur Wahrnehmung und zu kognitiven Prozessen und angewandte Forschung, vor allem im Bereich Strassenverkehr im Auftrag des Bundesamts für Strassen (Astra). 2011 war sie massgeblich an der Studie «Soll sich der Mensch dem Tunnel anpassen oder der Tunnel dem Menschen?» beteiligt.

 

4 Antworten auf „«Sicherheit ist primär ein Gefühl»“

  1. Bis die zweite Röhre eröffnet wird, ist die Sicherheitsfrage obsolet: Gerade kommen die ersten Autos auf den Markt, die auf Autobahnen autonom fahren können (Tesla vor kurzem, Mercedes dieses Jahr, gem. Ankündigunen diverser Autohersteller bis ca. 2020 wohl Standard für Neuwagen). 2030 werden also nur noch wenige Menschen ihr Auto selbst durch diesen Tunnel lenken, 2040 niemand mehr. Und nichts ist für ein autonom fahrendes Auto einfacher, als in einem Tunnel perfekt die Spur und perfekt den Abstand zum Vorderwagen zu halten – die heute ganz überwiegend durch menschliches Versagen passierenden Unfälle in Tunneln werden mit diesen Autos schlicht nicht mehr passieren!

  2. Zu bedenken ist auch: Drei Milliarden Franken kann man entweder im Gotthard verlochen. Oder man kann das Geld einsetzen, um an anderen Orten echte Unfallschwerpunkte zu sanieren.
    Wenn man die zweite Option wählt, rettet man ein vielfaches an Menschenleben!
    Schon mit einem Zehntel des Geldes kann man, klug eingesetzt, mehr Menschenleben retten als durch einen verfassunswidrigen Ausbau des Gotthards.

  3. Den Artikel finde ich richtig. Es ist bekannt, dass eine Situation, bei der die subjektive Sicherheit mehr verbessert wird als die objektive Sicherheit, tatsächlich verschlimmert wird und umgekehrt. Wenn der Gegenverkehr im Gotthard weg fällt, wird der Tunnel objektiv sicherer, aber subjektiv noch sicherer, so dass die Leute etwas schneller und weniger aufmerksam fahren werden. Ob die Tunnelstrecke tatsächlich sicherer wird, kann man vielleicht noch nicht sagen, aber ganz bestimmt wird das ganze Verkehrssystem unsicherer, da auch mehr Leute den Tunnel benutzen werden. Der Gesamtverkehr würde also zunehmen und es käme insgesamt zu mehr Unfällen, laut BFU schon ab 3% Mehrverkehr bezogen auf Fahrten durch die ganze Schweiz.

    Natürlich weiss das der Bund, aber die Bau- und Autointeressen sind stärker und somit wird es abgestritten.

  4. Hey danke für den lesenswerten Beitrag, wenn man sich unsicher ist am besten den Fahrlehrer in der Fahrschule fragen und ab und zu mal zum gewöhnen in einen Tunnel fahren. Liebe Grüsse

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